english






Bahn Zai (6)


"Das haben Sie gut gemacht"

Ich fahre Zug. Viel Zug.
Wenn ich das vorher gewußt hätte, wäre ich Schaffner geworden.
Ich buche am Telefon an drei Tagen drei Reisen.
Mit Reservierungen. Das Ergebnis läßt sich mit dem Telefonbuch von Freiburg messen.
Dann komme ich auf die sagenhafte Idee, die Tickets beim Reisebüro um die Ecke zu holen. Meistens ist der Weg zum Bahnhof zu weit, oder kurz vor Abfahrt
die Schlange so lang wie der ICE selbst. Um nicht nervös zu werden, hängen die Uhren, zumindest am Bahnhof Zoo, so ungünstig, dass nicht einmal ein Breakdancer drauf schauen könnte, ohne seine Schlange zu verlassen.
Das Reisebüro. Ich bin zum ersten Mal hier. Es ist leer.
Na also. Schlangen züngelt ruhig am Bahnhof!
Ich beherrsche den Bahnreisenden-Jargon: "Kann ich hier gebuchte Reiseunterlagen abholen?"
"Ja."
"Kostet das zusätzliche Gebühren?"
Das KADEWE verlangt Extra-Kohle, müssen Sie wissen.
"Noch nicht."
Also los: Mein persönliches Passwort.
Wir warten. Nichts tut sich.
"Mein Computer steht." Sie wendet sich an die Kollegen. "Steht Euer Computer auch?"
Alle sitzen geschäftig vor ihren Monitoren. Und sie nicken alle. Was machen die dann?
"Tut mir leid..."
"Wann geht denn Computer wieder?"
"Das können wir nicht sagen."
"Dann komme ich vielleicht in 30 Minuten wieder."
"Wir können nicht versprechen, ob er dann geht."
30 Minuten später.
Es ist alles ausgedruckt. In meiner Abwesenheit. Alles.
Die Dame versteht meine Reise nicht. Macht nichts, ich erkläre es ihr.
Vielleicht gibt es ja mal einen Studiengang Bahntourismus. Dann bekäme ich vielleicht mal eine Professur. Wie gesagt: sie hat, ohne es zu verstehen, alles ausgedruckt. Auch alte Reservierungen, die ich nie abgeholt habe. Weil ich sie, naja, nicht in Anspruch nahm. Ich soll sie aber trotzdem bezahlen.
Ich will aber nicht.
Sie: "Ich weiß nicht, wie ich das mit dem Computer machen soll."
Ich will aber trotzdem nicht.
Die Dame hält Rücksprache mit zwei Mitarbeiterin im Tuschelton. Sie sehen herüber.
Oh, schon wieder so ein Reservierungsferkel, das seine Bestellung nicht abgeholt hat.
Nach langem hin und her: Es geht wie gewünscht.
Ich zahle, ich gehe.
Draußen kommt mir die Summe ein bißchen hoch vor.
Ich rechne, es regnet.
Kopfrechnen ist nicht mein Ding. Ich nehme die Finger, überschlage, rechne, Dings im Sinn plus...
Gehe zurück.
"Hallo, es kann ja sein, daß ich vollkommen schwachsinnig bin, aber hier stimmt was nicht."
Sie rechnet die Tickets nach. 10 Euro zuviel! Klingt nicht viel, aber das sind, zur Erinnerung, 20 Mark!
Sie rechnet die Rechnung nach.
Dort ist alles korrekt.
Dann findet sie den Fehler und lacht.
"Der Computer", sagt sie. "Er sollte die Reservierung abziehen. Stattdessen hat er sie stehen lassen, der Computer, und nochmal dazu gezählt." Und dann anerkennend: "Das haben Sie gut gemacht."





Zurück

LAST UPDATE 06.09.2010